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Dr. Abdel-Latif Consulting AG

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© 2020 BY DR. ABDEL-LATIF  CONSULTING AG

"Der Pathologe ist hässlich, der Chirurge arrogant und der Radiologe einfach nur faul!"

Sei bitte ehrlich: geben uns Vorurteile nicht eine amüsante Plattform uns über andere auszulassen und so unsere eigenen Defizite zu verstecken?


Ich erinnere mich noch sehr genau an einen meiner ersten Arbeitstage im Mai 1998.

Als junger Assistenzarzt, jede Tasche meines mit Stolz getragenen und durchaus hart verdienten weissen Mantels mit medizinischen Taschenbüchern vollgestopft (es gab damals weder Internet noch Smartphones) und der für Rookies typischen "Ich rette die Welt"-Attitüde, lief ich schnellen Schrittes durch die sterilen Gänge meiner Abteilung und eilte zu einem Rapport. Plötzlich packte mich mein älterer Kollege Frank "Franky" Meier am Arm, zog mich zur Seite und flüsterte mir mit ernster Stimme ins Ohr: "Ich muss Dich warnen, Adel. Du wirst gleich den hässlichsten Menschen sehen, den Du jemals gesehen hast. Ein Pathologe!".


Ich schaute Franky mit einem naiven und nicht minder fragenden Gesichtsausdruck an.

Ist doch klar" erwiderte dieser, "die hässlichsten Ärzte, die man dem Patienten nicht zutrauen kann, steckt man bekanntlich in die Leichenhalle. Ist ein ungeschriebenes Gesetz. Die müssen alle Pathologen werden! Wusstest Du das etwa nicht?".

Mein Gesichtsausdurck zeigte eine Mischung aus Neugierde aber auch Erleichterung...immerhin dürfte mich mein damals von den Gossip Medien attestiertes stattliches Äusseres nach Frankys Theorie davor schützen den Rest meines Lebens mit Toten und Autopsien verbringen zu müssen.


Als ich dem Zielobjekt Mario, einem Oberarzt für Pathologie gegenübertrat, konnte ich es, gebrieft durch Frankys eindringlichen Worte, kaum erwarten alle zu erwartenden äusserlichen Mäkel eigens zu erforschen.

Und siehe da: Mario war in etwa Anfang 40, wirkte jedoch um einiges älter. Er imponierte dürr, auffallend blass und trug sein lichtes Haar eher zersaust. Seine schiefe Zahnstellung (ich kenne mich bestens damit aus, da meine Zahnlücke und meine leicht übergrossen Hasenzähne mir einen ähnlichen Ausdruck verleihen) schienen für einen Augenblick Frankys Theorie in faszinierender Form zu untermalen...bis Mario seinen Mund öffnete und seine volle fachliche Brillanz zum Besten gab. Mario übertraf mit seiner ausgeklügelten Intelligenz, seinem unglaublichen Fachwissen und seiner leicht zynischen, dafür nicht minder unterhaltsamen Rhetorik alles was ich bisher erlebt hatte. Seine Analysen waren präzis und er schaffte es dem Auditorium selbst schwierige Zusammenhänge leicht und verständlich zu erklären. Kurz: aus dem Gollum wurde augenblicklich ein Prinz des Wissens und der medizinischen Eloquenz! "

Franky", flüsterte ich, "der Kerl ist nicht aufgrund seines Aussehens Pathologe geworden, sondern weil er ein Scheiss-Genie ist!". Franky verstummte.


Einige Jahre später, ich begann gerade meine Facharztweiterbildung in der Diagnostischen Radiologie am Kantonsspital Aarau, erlebte ich eine ähnliche Situation.

Diesmal betraf es jedoch nicht einen Pathologen, sondern mich selbst. Nach einem arbeitsintensiven und nicht enden wollenden Tag, war ich schlicht und einfach zu kaputt um zu später Stunde nach hause zu fahren. Also schlich ich mich auf die Notfallstation, ergatterte mir, wie schon etliche Male zuvor, eine leere Behandlungskoje und legte mich hin. Gerade als das Gefühl des süssen Schlafes meinen Körper und Geist langsam einzunehmen schien, hörte ich eine brüske Stimme aus der Nebenkoje, die mich unsanft wieder in die Realität zurück holte. Das Lärmorgan gehörte Andreas, einem bekanntlich aufbrausenden leitenden Arzt aus der Chirurgie. Er stauchte gerade in allseits bekannter Manier einen jungen Assistenzarzt zusammen: "Wo glauben Sie eigentlich wo Sie hier sind? Sie sind auf der CHIRURGIE!!! Wir Chirurgen sind die wahren Ärzte und retten jeden Tag Leben! Wenn Sie weiterhin so faul rumgammeln sollten Sie in die f****** RADIOLOGIE wechseln! Dort wimmelt es nur so von Faulpelzen wie Ihnen! Verschwinden Sie sofort aus meinen Augen!".


Das war es definitiv mit meinem Schlaf. Durch die brüskierenden Worte emotional auf 200 hochgepusht, eilte ich schnellen Schrittes zurück auf meine Abteilung und traf dabei auf Stefan, einem meiner Oberärzte. Ich erzählte ihm dieses unschöne Erlebnis sichtlich verärgert. Schulterzuckend sah er mich an und meinte mit gleichgültiger Stimme: "Take it easy... Ist halt ein Chirurge. Das sind nun mal alles arrogante Ärsche. Nichts besonderes..."


Erkennst Du vorauf ich hinaus möchte?

Es ist nun mal eine Tatsache, dass nicht nur die faszinierende Welt der Medizin, sondern unser tägliches Gedanken- und Handlungsgut von eigens fabrizierten Vorurteilen benebelt ist. Wir neigen ausnahmslos alle dazu unschön gemachte Erfahrungen in gewisser Weise zu pauschalisieren und einer Gruppe von Menschen zuzuordnen. So wird aus dem Banker ein geldgeiler Halsabschneider, aus dem Steuerbeamten ein mit Komplexen beladenes Ekel-Monster oder eben aus dem Radiologen ein offensichtlicher Faulpelz. Warum dem so ist, müsste ich meinen Head of Communication und brillianten Universitätspsychologen Michal Hulik einmal fragen. Vielleicht kennt er die wahren Hintergründe, die ihren Ursprung sicherlich aus irgendeiner versteckten Hirnrinde nehmen.


Wie auch immer...wir sollten uns alle von Zeit zu Zeit an der Nase packen und uns zumindest hinterfragen, ob unsere pauschalisierten Vorurteile nun wirklich ihre Berechtigung haben oder ob sie uns nicht eher in einen "Mindfuck" treiben.


Herzlich

,


Adel Abdel-Latif